EishockeyPressemitteilung

Top-Platzierungen „mit den Strukturen schwer“, keine „Lippenbekenntnisse“ mehr! Mo Müller sorgt sich um Zukunft des deutschen Eishockeys

Top-Platzierungen „mit den Strukturen schwer“, keine „Lippenbekenntnisse“ mehr! Mo Müller sorgt sich um Zukunft des deutschen Eishockeys
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Top-Platzierungen „mit den Strukturen schwer“, keine „Lippenbekenntnisse“ mehr! Mo Müller sorgt sich um Zukunft des deutschen Eishockeys: „Die Zeit ist reif, dass sich alle Akteure an einen Tisch setzen“

Die deutsche Nationalmannschaft steht bei der Eishockey-WM in der Schweiz vor dem Aus und kann nur noch durch Schützenhilfe weiterkommen – für Moritz Seider nach dem letzten Gruppenspiel gegen Großbritannien Anlass genug, zwar nicht von „komplett verschenkter Zeit“ zu reden, aber sehr deutlich zu machen, wie sehr man hinter den eigenen Erwartungen bleibe. Der MagentaSport WM-Experte und langjährige Nationalmannschaftskapitän Moritz Müller ist im Podcast „WM-Spezial – Die Eishockey-Show“ über die harsche Kritik des NHL-Profis von den Detroit Red Wings „froh“ und der Meinung, man solle ihn „auf jeden Fall“ in die Aufarbeitung „mit einbeziehen“, weil er „was voranbringen“ wolle. „Ich glaube, dass es dem deutschen Eishockey auch mal gut tut, wenn wir ein bisschen kritisch miteinander sprechen. Das ist ja auch etwas, was wir nicht regelmäßig tun“, schlägt Müller in die gleiche Kerbe.

Nach dem möglicherweise zweiten verpassten WM-Viertelfinaleinzug in Folge und dem trotz Viertelfinale sportlich enttäuschenden Olympia-Auftritt stellt auch Müller ein Jahr vor der großen Heim-WM die Frage: „Wo stehen wir eigentlich? Sind wir jemand, der sagen kann, wir wollen immer ins Viertelfinale und darüber hinaus? Mit den Strukturen, wie sie gerade sind, sage ich: schwer!“ DEB-Vorstand Sport Christian Künast gab ein Standing „zwischen 7 und 12“ in der Weltspitze an, Müller will sich damit nicht zufrieden geben: „Wir bauen ja gerade was auf in Deutschland, das Produkt wird immer besser. Warum können wir nicht sagen, wir wollen eine Mannschaft sein, die ins Halbfinale kommt?“ Das „Nacheifern“ des vermeintlichen „Vorbilds“ Schweiz erfolge nicht konsequent: „Wir können eigentlich nur bewundern, wie die das hinbekommen haben. Aber die wirklich mal als Vorbild zu nehmen, wäre eigentlich eine gute Idee.“ Der Nationalspieler will keine „Lippenbekenntnisse“ mehr hören, sondern „die Büchse der Pandora“ aufmachen und strukturelle Probleme an einem runden Tisch mit Vertretern des DEB, der DEL, DEL2 und sogar der Oberliga angehen. „Stand jetzt ist es so: Jeder macht so ein bisschen sein Ding“, um vor allem seinen Standort zu halten, während niemand „wirklich das große Bild aufmalt“, moniert Müller und wirft die Fragen auf: „Wer kümmert sich wirklich um Hallenneubau, Hallensanierung? Wo können Kinder an nicht großen Standorten Eishockey spielen? Wer bildet die Kinder aus? Wenn die Kinder ausgebildet sind, wie kommen sie ins Profi-Eishockey rein?“ Der 39-Jährige legt den Finger in die Wunde: „Das deutsche Eishockey entwickelt sich super, auch gerade in der Außendarstellung. Aber ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns ein bisschen um das Produkt an sich kümmern!“

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen von WM-Experte Moritz Müller aus dem heutigen Podcast „WM-Spezial – Die Eishockey-Show – Folge 8“. Bei Verwendung bitte MagentaSport als Quelle angeben. Den „WM-Spezial – Die Eishockey-Show“-Podcast gibt‘s während der WM immer morgens nach den deutschen Spielen ab 07.00 Uhr und on-demand. Mit dabei sind wechselnde Duos aus der Besetzung Moritz Müller, Rick Goldmann, Basti Schwele und Sascha Bandermann. Am heutigen Dienstag steht ab 16.00 Uhr zum Abschluss der Gruppenphase die Partie Österreich gegen USA an – live bei MagentaSport und MagentaTV.

Link zur aktuellen Folge des „Eishockey-Show – WM-Spezial“-Podcasts auf YouTube: www.youtube.com/watch?v=Bcfexcn3Y9o

… über die harsche Kritik von Moritz Seider nach dem Sieg gegen Großbritannien, als er deutlich ansprach, den hohen Erwartungen als Team nicht gerecht zu werden und dabei auch „nicht komplett verschenkte Zeit“ erwähnte: „Erstmal bin ich froh, dass er das so gesagt hat, wie er es gesagt hat. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, da vielleicht irgendwie so ein Standardinterview zu geben – und dann wäre das ganze Ding vorbei. Auf jeden Fall sollte man ihn mit einbeziehen. Sein Wort hat Gewicht, einfach aufgrund der Person, die er ist. Ich glaube, dass es dem deutschen Eishockey auch mal gut tut, wenn wir ein bisschen kritisch miteinander sprechen. Das ist ja auch etwas, was wir nicht regelmäßig tun. Ich finde das gut – weil Moritz jemand ist, der kommt immer, wenn er kann, und hätte wirklich viele gute Gründe auch zu sagen, es passt nicht. Aber er will da was voranbringen. Und da ist wahrscheinlich dann auch ein Stück weit Frust dabei. Ich bin mir sicher, dass er das mit der ‚verlorenen Zeit' nicht so meint. Er meint einfach nur, dass er wirklich gesehen hat, was geht. Er war mit dabei. Und dass es ihn nervt, wenn es vielleicht Faktoren gibt, warum das gerade nicht so passt. Und die möchte er ansprechen. Dann würde ich ihn auf jeden Fall auch mit an den Tisch nehmen. Und jetzt nicht so eine Phase, wo man redet, redet – aber dann doch wieder nicht. Ich würde die Situation jetzt nutzen – nicht weil ich sage, die WM war nicht gut, sondern einfach weil ich sage, die Entwicklung in letzter Zeit war nicht so gut. Dass man wirklich sagt: Lass uns das jetzt mal als Gelegenheit nehmen, uns wirklich mal hinzusetzen und zu fragen: Was muss denn passieren? Woran hakt‘s denn? Und dann vielleicht auch mal diese Kritik zu äußern. Bisher traut man sich ja nicht so richtig. Ich würde mir wünschen, dass wir das erstmal intern machen, intern besprechen – und dass wirklich alle an den Tisch kommen, wie ich es vorhin gesagt habe. Nicht so, dass man sagt, wir kommen an den Tisch und müssen uns jetzt anhören, was die da erzählen. Sondern dass man vielleicht auch mal Bewusstsein schaffen kann: Das ist aus dem und dem Grund so – und am Ende ist es für uns alle gut. Das würde ich mir wünschen!“

… über die Zielsetzung des deutschen Eishockeys – auch in Bezug auf die Aussagen von DEB-Sportvorstand Künast, wonach man zwischen Platz 7 und 12 in der Weltrangliste stehe: „Ich glaube, wir sind jetzt gerade an einem Punkt – zweite WM in Folge, wo es vielleicht nicht klappen könnte mit dem Viertelfinale. Olympische Spiele, die nicht so liefen, wie man sich das vorgestellt hat. Wo man jetzt vielleicht mal sagen muss: Okay, wo stehen wir denn eigentlich? Sind wir jemand, der sagen kann, wir wollen immer ins Viertelfinale und darüber hinaus? Oder sind wir mit den Strukturen, wie sie vorhanden sind, eigentlich eine Mannschaft, die sich gerade so immer ins Viertelfinale kämpfen kann? Ich glaube, das ist gerade insgesamt so die Frage, die man sich stellt. Ich denke, man kann höher ansetzen als [Platz] 7 – auch mit der Mannschaft, die vor Ort ist. Ich würde das gar nicht so akzeptieren, dass man sagt, man ist irgendwo zwischen 7 und 12. […] Die Schweiz sagt ja auch nicht, wir sind irgendwas zwischen 5 und 12. Und das wollen wir ja auch nicht sein. Wir bauen ja gerade was auf in Deutschland, das Produkt wird immer besser. Warum können wir nicht sagen, wir wollen eine Mannschaft sein, die ins Halbfinale kommt? Und es gibt ja immer wieder diese Lippenbekenntnisse: Ja, ja, wir machen das. Aber was wird eigentlich dafür wirklich getan in Deutschland, damit die Nationalmannschaft um diese Plätze mitspielen kann? Wenn man da mal in die Analyse geht und wirklich schaut, was da besser laufen kann – da machen wir wirklich die Büchse der Pandora auf.“

… über strukturelle Fragen und den Vergleich mit der Schweiz: „Die letzten Turniere liefen nicht so, wie sie hätten sein sollen – oder sagen wir es anders: Mit den formulierten Zielen und den Erfahrungen der Vergangenheit lief das Turnier nicht. Man darf der Mannschaft ja auch nicht unrecht tun. Vielleicht wird sie auch an den Ausnahmeerfolgen der Vergangenheit immer noch gemessen. Wenn ich zurückdenke an die Erfolge, die wir da in den Jahren hatten – das waren ziemlich perfekte Konstellationen. Da hat alles gepasst. Vielleicht muss man sich jetzt mal die Frage stellen: Kann man denn jedes Mal als Mannschaft so über sich hinauswachsen? Wenn man jetzt mal sagen möchte: Wir haben im deutschen Eishockey super Zuschauerzahlen, wir haben ein tolles Produkt – können wir denn wirklich das Ziel mal äußern, wir wollen bei der WM mehr als nur das Viertelfinale? Und da muss man dann realistisch sagen: Mit den Strukturen, wie sie gerade sind, sage ich: schwer! Kann klappen, aber schwer. Ich würde mir wünschen, dass man das mal als Anlass nimmt und sich wirklich mal hinterfragt: Ist es vielleicht vermessen, solche Ziele immer zu nennen? Und was muss eigentlich geschehen, um langfristig solche Ziele nennen zu können? Und da gibt es ja wirklich positive Beispiele in der Welt, die vorgemacht haben, wie es geht. Wir sprechen gerade aus Zürich und da ist die Schweiz schon lange Vorbild. Aber wir sagen immer Vorbild. Vorbild bedeutet ja, wir würden dem Ganzen nacheifern. Das tun wir ja gar nicht so wirklich. Also wir können eigentlich nur bewundern, wie die das hinbekommen haben. Aber die wirklich mal als Vorbild zu nehmen, wäre eigentlich eine gute Idee.“

… über Ideen, wie sich das deutsche Eishockey weiterentwickeln könnte: „Es gibt genug Leute, die eine Vision haben, was das deutsche Eishockey angeht. Ich kenne viele, denen es in den Fingern juckt, wenn man an das deutsche Eishockey denkt. Ich glaube, die Zeit ist reif – und das sage ich jetzt auch schon eine Weile – dass sich alle Akteure vielleicht mal an einen Tisch setzen. Dass man sagt: Wie kriegen wir denn das deutsche Eishockey voran? Die Akteure sind für mich der Verband DEB, DEL, DEL2 – sogar die Oberliga müsste mit an den Tisch. Und dann über den Verband auch die Nachwuchsligen und die Spieler. Wenn alle diese Akteure mal an einem Tisch wären, dann könnte man wirklich sprechen. Denn Stand jetzt ist es so: Jeder macht so ein bisschen sein Ding. Und das ist verständlich, weil die Struktur nicht da ist. Was macht deutschen Sport erfolgreich? Das ist die Nationalmannschaft. Die Tennishallen wurden in Deutschland gebaut, als Boris Becker und Steffi Graf ihre Prime-Zeit hatten. Michael Schumacher hat den Motorsport groß gemacht. Es braucht diesen internationalen Erfolg! Und ich glaube auch, dass wir 2018 und 2023 etwas angestoßen haben und für eine positive Entwicklung im deutschen Eishockey gesorgt haben. Aber vielleicht wird an den Standorten oder bei den Akteuren, die ich gerade angesprochen habe, eher gedacht: Wie komme ich durch die Saison? Wie kann ich meinen Standort halten? Was ich auch verstehe. Aber es gibt niemanden – so nehme ich das wahr –, der wirklich das große Bild aufmalt. Der sagt: Wer kümmert sich wirklich um Hallenneubau, Hallensanierung? Wo können Kinder an nicht großen Standorten Eishockey spielen? Wer bildet die Kinder aus? Wenn die Kinder ausgebildet sind, wie kommen sie ins Profi-Eishockey rein? Und das ist meiner Meinung nach in Deutschland richtig schwer. Ich war immer jemand, der die U23-Regelung als nicht gut befunden hat. Wenn man sich die mal genauer anschaut, sage ich: Die ist nicht zielführend, auch nicht für die deutsche Nationalmannschaft. Und die deutsche Mannschaft versucht dann immer, das hinzubekommen. Das haben wir die letzten Jahre richtig gut gemacht. Da waren wirklich super, super Leute am Werk, die da zusammen an einem Strang gezogen haben. Ich möchte auch gar nicht sagen, dass die keinen guten Job machen. Das deutsche Eishockey entwickelt sich super, auch gerade in der Außendarstellung. Aber ich glaube, es wird Zeit, dass wir uns ein bisschen um das Produkt an sich kümmern.“

… über Spieler, die nicht gerne zur Nationalmannschaft kommen: „Ich komme aus einer Zeit, wo ich meine ersten Erfahrungen mit der Nationalmannschaft gemacht habe, wo ich sagen würde, dass die Zahl deutlich niedriger war als 90 bis 95 Prozent. Dann gab es eine Zeit, in der wir das sehr gut gemacht haben – und da spreche ich alle an, da meine ich auch den Verband –, dass die Spieler gesagt haben: Es macht so einen Spaß, hier hinzukommen. Da waren es 100 Prozent. Und das ist gar nicht so lange her, dass es diese 5 bis 10 Prozent nicht gab, die jetzt gerade nicht kommen. Dass man sich als Verband nach so einer WM hinterfragt, ist auch klar – und das muss passieren. Und ich hoffe, es passiert auch. Und dass da miteinander gesprochen wird: Wie schaffen wir es, hier wieder etwas aufzubauen, wo jeder gerne hinkommt? Woran lag das, dass die Jungs nicht so gerne hinkommen? Das muss man jetzt aufarbeiten. Ich bin froh, dass ‚Kühni‘ [Christian Künast, DEB-Sportvorstand, Anm.d.Red.] das angesprochen hat, weil das bedeutet, dass es ihm auf dem Herzen brennt. Ich glaube, ‚Kühni‘ ist auch jemand, der das dann auch wirklich macht.“

„Nicht komplett verschenkte Zeit“, aber: „Wir werden unserem Standard leider nicht gerecht.“ Moritz Seider holt nach dem finalen Gruppenspiel gegen Großbritannien zum Rundumschlag aus: „So kannst du auf internationalem Niveau nicht überleben. Dann soll die Welt wieder gut aussehen. Das ist aber einfach nicht die Realität.“ Das deutliche WM-Fazit von Moritz Seider noch einmal im Clip: clipro.tv/player?publishJobID=UEFvRW5KZmxzOXJTTGRkN1pZTnBaalAya1JTcFpveExQMkVOUXJwWlF2Zz0=

DEB-Vorstand Sport Christian Künast reagiert auf Seiders Kritik mit Verständnis und befürwortet Seiders hohe Ansprüche, meint aber: „Er war einen Tick zu kritisch.“ Um das deutsche Eishockey voranzutreiben, will Künast strukturelle und inhaltliche Veränderungen schaffen. Die Aussagen im Clip: clipro.tv/player?publishJobID=cUZBaGozODRxbG1oeDZhbkcyQmZlVzFJdElCMTVDQkVycVZ3M0xGdDlHaz0=

Tba (Infos zu Spielpaarungen und Sendezeiten folgt heute nach Abschluss Gruppenphase)

Quelle: MagentaSport / Jörg Krause, thinXpool TV GmbH · SPPOriginalmeldung ↗
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