FußballPressemitteilung

Exklusiv-Interview Aytekin: Schiri-Krise im deutschen Fußball? Aytekin: "In dem Alter habe ich solche Spiele nicht so über die Bühne bringen können!" - sein Appell "Wir brauchen wieder Toleranz!"

Schiris im Fokus, auch in der 3. Liga - und mit Deniz Aytekin einer der Besten seiner Zunft mittendrin! Der 47-jährige, der am vergangenen Wochenende die Partie Aachen gegen Verl leitete und seine Schiedsrichterkarriere nach dieser Saison beenden wird, nimmt im exklusiven MagentaSport Interview Stellung: unter anderem zum aktuellen Umgang miteinander auf dem Platz, den Herausforderungen für die jungen Schiedsrichter in der 3. Liga und über die zuletzt geäußerte deutliche Kritik der Trainer an den Vierten Offiziellen. Er lobt besonders die jungen Drittliga-Schiedsrichter, die ohne den VAR auskommen: "Ich war ja auch mal jung, aber in dem Alter habe ich solche Spiele mit Sicherheit nicht so über die Bühne bringen können! Deswegen habe ich allergrößten Respekt vor den Jungs in der 3. Liga!"

Kritik übt der gebürtige Nürnberger an den teils überbordenden Emotionen an der Seitenlinie: "Wir sind ja nicht gegen Emotionen! Aber es gibt ja natürlich Grenzen der Emotionen - und manche übertreiben es halt!" Aytekin schließt mit einem eindringlichen Plädoyer für mehr Respekt im Umgang gerade mit jungen Schiedsrichtern: "Das wäre das Einzige, was ich mir wünschen würde - dass man immer bedenkt, dass das ganz junge Kerle sind, die da in dieser Liga pfeifen. Natürlich machen die Fehler, ich mache auch Fehler. [...] Wir brauchen halt wieder ein bisschen Toleranz! Das ist jetzt nicht der Aufruf dazu, dass wir jetzt Fehler machen dürfen und sonst was. Sondern es geht darum, dass man halt einfach akzeptiert, dass mit deutlich weniger Hilfsmitteln natürlich auch Situationen manchmal kaum noch lösbar sind, weil der Fußball schneller ist - auch in der 3. Liga."

Auch in der aktuellen Folge von "4zu3 - der 3. Liga Podcast" stehen die aktuellen Debatten über die Schiedsrichter im Blickpunkt! Zu Gast ist Nico Fuchs, Sprecher der Drittliga-Schiedsrichter. Auch er spricht über die aktuelle Situation, die teils massive Kritik und offenbart auch private Drohungen gegen sich und seine Familie: "Dass man sich nach einem Spiel [...] auf dem Heimweg erst einmal mit Drohnachrichten beschäftigen muss [...]: Dann ist halt irgendwo das Maß voll! [...] Die Gangart, die teilweise in Social Media angenommen wird, geht einfach in eine ganz, ganz falsche Richtung!"

Nachfolgend die wichtigsten Aussagen von Deniz Aytekin und Nico Fuchs. Bei Verwendung bitte die Quelle MagentaSport angeben. Weiter geht es bei MagentaSport mit dem 26. Spieltag der 3. Liga am morgigen Freitag mit der Partie TSG Hoffenheim II gegen TSV 1860 München (live bei MagentaSport ab 18.30 Uhr). Am Samstag stehen gleich zwei Topspiele auf dem Programm: Hansa Rostock gegen Rot-Weiss Essen (live bei MagentaSport ab 13.30 Uhr in der Konferenz und ab 13.45 Uhr im Einzelspiel) und Energie Cottbus gegen den SC Verl (live ab 16.15 Uhr).

Deniz Aytekin über seinen Drittliga-Einsatz beim Spiel Aachen gegen Verl - ohne den VAR:

"Es ist natürlich Fußball noch in der originären Form - also mit weniger technischen Hilfsmitteln. Deswegen habe ich allergrößten Respekt vor allen jungen Schiedsrichter-Kollegen, die in der 3. Liga Spiele leiten - mit deutlich weniger technischen Hilfsmitteln. Die Jungs machen das schon sehr gut, aber der Fußball hier ist genauso leidenschaftlich, emotional - und es passieren auch außergewöhnliche Situationen, die man manchmal mit dem menschlichen Auge nicht wahrnehmen kann. Ich war ja auch mal jung, aber in dem Alter habe ich solche Spiele mit Sicherheit nicht so über die Bühne bringen können! Deswegen habe ich allergrößten Respekt vor den Jungs in der 3. Liga!"

"Das Problem ist, dass die Dummen halt nicht aussterben - die werden immer mehr! Und dann passieren Sachen oder es fallen Äußerungen, die so massiv sind, dass sie auch nicht mehr akzeptabel sind. Wir sind alles Sportler, die Jungs sind Sportler, und keiner geht auf den Platz und denkt sich: 'Ist mir egal, wenn so ein Fehler passiert.' Sondern die arbeiten hart. Ich sehe, was sie leisten, ich sehe, was sie trainieren, was sie für ein Pensum abspulen. Deswegen ist es für mich auch noch mal eine besondere Ehre gewesen, in der 3. Liga nun so ein Spiel leiten zu dürfen."

... über Torlinien-Entscheidungen und Expertenkritik - am aktuellen Beispiel des nicht gegebenen Treffers von Cottbus gegen Mannheim am vorletzten Wochenende, obwohl der Ball klar hinter der Linie war:

"Ich fand es bemerkenswert, was Pele Wollitz letzte Woche gesagt hat. Ich habe das mitbekommen, ich habe das Tor auch gesehen, diese knappe Situation. Und es hätte heute exakt das Gleiche bei uns auch passieren können. Es war auch eine sehr knappe Situation, ob der Ball hinter der Linie drauf fällt oder nicht - das siehst du mit dem menschlichen Auge nicht. Und dann gibt es natürlich Experten, die schon ein bisschen länger draußen sind und auch das Gefühl nicht mehr haben, was es heißt, da draußen so eine Situation bewerten zu müssen. Die Jungs gehen ja da nicht leichtfertig an so eine Situation ran, sondern sie versuchen, so eine Situation mit dem menschlichen Auge zu lösen - das ist de facto nicht zu lösen oder machbar."

"Also nochmal: Wir sind ja nicht gegen Emotionen! Aber es gibt ja natürlich Grenzen der Emotionen - und manche übertreiben es halt! Und alles wird dann in die Kategorie Emotionen geschoben, und wir müssten doch den Fußball, die Leidenschaft letztendlich fördern. Natürlich - ich liebe es, sonst hätte ich diesen Sport nicht so lange gemacht. Ich liebe die Leidenschaft, ich mag es, wenn du da auf dem Platz halt versinkst und sich letztendlich ein positiver Kampf entwickelt. Aber irgendwo gibt es natürlich Grenzen. Und wenn du bei jedem Zweikampf, bei jeder Entscheidung natürlich lamentierst und alle möglichen Sachen von dir gibst, dann ist das natürlich irgendwann auch schwierig."

"Ich brauche auch ab und zu ein Ventil, aber ich kann ja auch nicht die ganze Zeit rumschreien und die Spieler oder den Trainer beschimpfen. Wir sind ja auch emotional. Aber ich glaube - und das wäre schon und das wäre das Einzige, was ich mir wünschen würde - dass man immer bedenkt, dass das ganz junge Kerle sind, die da in dieser Liga pfeifen. Natürlich machen die Fehler, ich mache auch Fehler. Ich habe schon so viele Fehler in meinem Leben gemacht. Ich habe noch nie ein Spiel gepfiffen, das komplett fehlerfrei war - das gehört halt dazu. Wir brauchen halt wieder ein bisschen Toleranz. Das ist jetzt nicht der Aufruf dazu, dass wir jetzt Fehler machen dürfen und sonst was. Sondern es geht darum, dass man halt einfach akzeptiert, dass mit deutlich weniger Hilfsmitteln natürlich auch Situationen manchmal kaum noch lösbar sind, weil der Fußball schneller ist - auch in der 3. Liga."

Auch Nico Fuchs, Sprecher der Drittliga-Schiedsrichter, äußert sich in der aktuellen Folge von "4zu3 - der 3. Liga Podcast" auch mit Blick auf das Aytekin-Interview zu Kritik und Social-Media-Shitstorms - und offenbart auch Drohungen gegen sich und seine Familie direkt nach Spielen:

"Dann fahre ich nach Hause, bin keine 20 Minuten im Auto, und mich ruft meine Frau an, die Drohnachrichten erhält. Da frage ich mich: Was ist überhaupt los? Dann hat sie mir das auch vorgelesen. Wir haben auch die entsprechenden Schritte eingeleitet, die zu einer Strafverfolgung führen. [...] Dass man sich nach einem Spiel, das man absolviert hat, auf dem Heimweg erst einmal mit Drohnachrichten beschäftigen muss - anstatt dass man nach Hause kommt, etwas isst, vielleicht mit meiner Frau oder mit wem auch immer zusammensitzt: Dann ist halt irgendwo das Maß voll! [...] Ich glaube, wir sind uns auch alle einig, dass die Gangart, die teilweise in Social Media angenommen wird, einfach in eine ganz, ganz falsche Richtung geht! Und der Fußball, wie wir ihn halt auch lieben, ist nicht mehr der, der er vielleicht auch mal war. [...] Das hat Dennis Aytekin nach dem Spiel in Aachen auch ganz gut in seinem Interview gesagt: Vielleicht sollte man einfach weniger konsumieren - vor allem Social Media - sich auf das Wesentliche konzentrieren und das einfach beiseitelassen."

Link zur aktuellen Folge inklusive Exklusiv-Interview mit Deniz Aytekin: 4zu3.podigee.io/113-schiedsrichterball-mit-deniz-aytekin-nico-fuchs

ab 13.30 Uhr in der Konferenz und ab 13.45 Uhr im Einzelspiel: Viktoria Köln - VfB Stuttgart II, Hansa Rostock - Rot-Weiß Essen, Erzgebirge Aue - VfL Osnabrück, SV Wehen Wiesbaden - FC Ingolstadt 04, SSV Jahn Regensburg - SSV Ulm 1846 Fußball ab 16.15 Uhr: Energie Cottbus - SC Verl

Quelle: MagentaSport / Jörg Krause, thinXpool TV GmbH · SPPOriginalmeldung ↗
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